Finis Germania – Eine Rezension

Gastbeitrag von Eliyahu Richter (Der Wanderprophet)

Die Frankfurter Buchmesse 2017

Am Sonntag vor einer Woche ging in Frankfurt am Main die Deutsche Buchmesse zu Ende. Diese wurde in diesem Jahr vor allem von den politischen Anfeindungen und Tumulten überschattet, wie sie sich am Stand des neurechten Antaios-Verlags ereigneten. Zu Beginn der Buchmesse hatte schon der Frankfurter Börsenverein gegen dessen Präsenz und der anderer rechtspopulistischen Verlage und deren Autoren protestiert. Man wollte darauf aufmerksam machen, wer und vor allem was aus den literarischen Kreisen der Neurechten stammt.

Geht ein Nazi auf die Buchmesse…

Aber was treibt Demonstranten gegen Rechts auf bisher eher unpolitische Events, wie der deutschen Buchmesse? Neben einem Akif Pirinçci, der vor allem durch seine politisch entgleisten Pamphlete für Empörung sorgt, verlegt Antaios eben auch das Umstrittene Buch »Finis Germania« von Rolf Peter Sieferle.
Sieferle, Industriehistoriker mit einem beachtlichen Werdegang (unter anderem eine Lehrstelle an der Privatuniversität St. Gallen, Schweiz), nahm sich im Herbst 2016 das Leben, angeblich aus Verzweiflung über die Flüchtlingspolitik. Sein neustes Buch, ein Kompendium aus unterschiedlichen Essays, wurde post mortem von seinem Nachlassverwalter als »Finis Germania« im Februar 2017 veröffentlicht. Skandalös waren allein schon die Umstände, die dazu führten, dass »Finis Germania« als Lektüreempfehlung der Sachbuchliste von NDR und Süddeutsche Zeitung auftauchte. Im Alleingang nominierte SPIEGEL-Redakteur Johannes Saltzwedel den Titel und erntete Kritik, nicht nur seiner Co-Juroren. Und obwohl, oder eben weil es vom Olymp der Literaturkritik Negativkritiken hagelte, bekam »Finis Germania« in Deutschland einen gewissen Bekanntheitsgrad.
In Zeiten, wo AfD-Politiker, wie Björn Höcke von einer »Erinnerungspolitischen Wende« sprechen, verkauft sich ein Werk wie »Finis Germania«.

Holocausrelativierung als Bestseller

Sieferle fährt in »Finis Germania« eine breite Palette antisemitischer Stereotypen auf. Überhaupt liest sich vor allem der dritte Teil des Buches mit der Kapitelüberschrift »Mythos VB« (Vergangenheitsbewältigung), wie ein Handbuch zum klassischen Antisemitismus und Antijudaismus. Einen thematischen Anklang an das Buch »Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum« (1879) von Wilhelm Marr sind von Sieferle durchaus gewollt.

Wann kommt die kommentierte Ausgabe?

Hauptaugenmerk liegt vor allem auf dem Holocaust und einer rein deutsch-nationalen Betrachtung auf eben diesem. Kritisch hervorgehoben wird hier seitens Sieferle eine von ihm wie auch anderen Rechtspopulisten konstruierte »Kollektivschuld« der Deutschen und die daraus folgende »permanente Buße«, die Deutsche seit Auschwitz auf Betreiben der Juden und der Siegermächte zu leisten haben. »Finis Germania« vertauscht auf grotesk Weise die Rollen von Opfern und Tätern: Die Deutschen sind die neuen Juden.

Eine tief verankerte antisemitische Geisteshaltung

Immer stärker offenbart sich eine tief verankerte antisemitische Geisteshaltung. Sieferle spricht von Mythen und Tabus, die eines nach dem anderen in der Menschheitsgeschichte gebrochen wurden. Nur der Antisemitismus, für ihn euphemistisch eine »Kritik an Juden«, sei noch ein Tabu, was vor allem in Deutschland nicht erlaubt sei, gebrochen zu werden. Diese Betrachtung ist nicht nur für einen Historiker skandalös.

»Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden. Ein Mythos ist eine Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht.«

Was kann man in diesen Worten anderes sehen, als den krampfhaften Versuch, die Schoah, den industriellen Völkermord an den europäischen Juden, zu relativieren? Immer wieder garniert Sieferle antisemitische Stereotypen mit Bildern aus der christlichen Volksfrömmigkeit und zeigt, dass er zwar christliche Theologie als Antagonismus zum Judentum verstehen will, aber weder die christliche, noch die jüdische Theologie als solche ansatzweise verstanden hat.

»Da die Juden keinen Anteil an der christlichen Ehre haben konnten, nisteten sie sich in den Nischen dieser Gesellschaft ein, als Wucherer und Händler. Auch hier eine Affinität zu den Deutschen, die von Helden zu Händlern geworden sind, von aller Welt verachtet und auf ihren Vorteil bedacht.«

Diese verwegene Opferumkehr ist man aus der neurechten Szene gewohnt, aber selten kam so etwas mit einem derartigen christlichem Antijudaismus daher, wie »Finis Germania«. Aus dem »ewigen Juden« wurde der »ewige Deutsche« konstruiert, der auf ewig dazu verdammt ist Buße für Auschwitz zu tun.

„Mythos Vergangenheitsbewältigung“

Das Kapitel III »Mythos VB« ist vor allem auch eine Beleidigung der positivistischen Entwicklungen, die die christlich-theologischen Welt nach 1945 erreicht hat. Die katholische Kirche revidierte mit Nostra Aetate (2. Vatikanisches Konzil) den jahrhundertelangen Antijudaismus der Kirche, der sich vor allem in der Substitutionstheologie niederschlug, also der Lehre, dass die Christen das Volk des »Alten Bundes« ablösten und die Kirche den Platz Jisraels einnahm; nach Sieferle wohl verdienter Maßen, denn die Juden hatten immerhin Jesus ermordet und somit, wie er sagt das »zweite große Menschheitsverbrechen« begangen. Mit der Rheinsynode (Ende der 80er) reformierten auch Protestanten ihre Theologie im Bezug auf Juden und das Judentum.
In der christlichen Theologie nach Auschwitz wurde somit aus den »verstockten Gottesmördern, die Jesus nicht kennen wollen« die »Fratelli maggiori« (die älteren Geschwister [von Johannes Paul II.]).
Eine Erwähnung dieser positiven Entwicklung findet man in »Finis Germania« vergebens. Es scheint fast so, als ob der verstorbene Historiker Sieferle in einem sehr dunklen Teil der grausigen Vergangenheit festgefahren ist, da er nur den Antisemitismus des Mittelalters und der frühen Neuzeit bemühen will, die aber tatsächlich stattgefundene Versöhnung zwischen Juden und Nichtjuden, egal ob in Deutschland, oder anderen Teilen Europas, ignoriert er.
Vor allem Deutschland wurde mit seiner demokratischen Neugründung nach dem 2. Weltkrieg zu einem verlässlichen Partner des 1948 gegründeten jüdischen Staates Israel. Und Israelis, wie auch Juden aus der ganzen Welt, kommen mittlerweile gerne nach Deutschland, vor allem, weil doch dieses Land nicht nur »Land der Täter«, sondern vor allem auch »Land und Heimat der jüdischen Opfer« war. Überlebende der Shoah, die nun in Israel leben, erzählten, dass sie jede Nacht weinen, wenn sie an z.B. die Stadt Duisburg denken ihre alte Heimat, ihre Geburtsstadt. Tagebücher und Interviews, die Teil einer Duisburger Ausstellung waren, bezeugen das. All das ignoriert Sieferle auf schändliche Weise und verrennt sich dabei immer weiter stammtischgerecht in seinem deutsch-völkischen Ethnozentrismus: »Hier wir Deutschen und da ihr Juden!«

Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen

Was wollte der verstorbene Historiker Rolf Peter Sieferle mit seinem Werk »Finis Germania« ausdrücken? Augenscheinlich wusste es der Autor selbst nicht so genau, aber Fakt ist, dass Sieferle penibel darauf bedacht ist, das Netz einer »deutschen Erbschuld« zu spinnen, welches seiner Meinung nach zu zerreißen gilt. Für ihn, wie eben auch den Politikern der AfD, wirkt die deutsche Erinnerung an die Schoah wie eine Art »Staatsreligion«, die ewig an die »Kollektivschuld« erinnern soll, die einzig und allein der »Mythos Auschwitz« über die Deutschen gebracht hat.

Oder wie es der österreichisch-israelische Arztes und Autore Zvi Rix sagt: »Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen!«

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Israel VLOG – Yesh Atid Jahresevent

Dieses Jahr bin ich in die Partei Yesh Atid eingetreten und auch in die englischsprachige Aktivistengruppe aufgenommen worden. Seit einigen Jahren hörte ich von vielen, die mich professionell kennen, ich soll in die Politik gehen. Lange habe ich damit gehadert, weil ich noch nicht sicher war, welche Partei es sein soll. Weitere Bedenken spielten auch eine Rolle. Falls euch das Thema interessiert, wie und warum ich diese Entscheidung dann doch getroffen habe, schreibt mir gerne. Vielleicht mache ich ein Video dazu.

Diese Woche war ich dann bei meinem ersten Jahresevent von Yesh Atid.

Die Atmosphäre war sehr familiär. Alle Knessetabgeordnete von Yesh Atid, außer Yair Lapid waren beim Empfang dabei und haben sich mit allen unterhalten. Ein ehemaliger Abgeordneter hat mir ein Paar wichtige Leute vorgestellt. Ich habe viele interessante Gespräche geführt und ein Paar interessante Angebote bekommen. Werde natürlich darüber erzählen, wenn es soweit ist.

Hier ein kleiner Einblick in das Event:

Wie jung und hübsch sie doch ist!

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Twitterprofil von Sawsan Chebli

Vorfall: Ich sollte heute Morgen eine Rede halten. Vier Frauen sitzen auf dem Podium. Ich setze mich auf den reservierten Platz in die erste Reihe. Vorsitzende vom Podium aus: „Der Staatssekretär ist nicht da. Ich würde sagen, wir fangen mit den Reden dennoch an.“ Ich antworte ihr aus der ersten Reihe: „Der Staatssekretär ist da und sitzt vor Ihnen.“ Sie antwortet: „Ich habe keinen so jungen Mann erwartet. Und dann sind Sie auch so schön.“ Ich war so geschockt und bin es immer noch. Ich bin jedenfalls ans Pult: „Sehr geehrte Frau Botschafterin a.D., es ist schön, am Morgen mit so vielen Komplimenten behäuft zu werden.“ Im Saal herrschte Totenstille. Dann habe ich meine Rede abwechselnd in deutscher und englischer Sprache frei gehalten. Es war ein internationales Forum. Klar, ich erlebe immer wieder Sexismus. Aber so etwas wie heute habe auch ich noch nicht erlebt.

Diese Geschichte ist genau so passiert, nur die Geschlechter waren vertauscht. Den Originalpost von Sawsan Chebli findet ihr hier. Einen Text mit Hintergründen gibt es in der Morgenpost.

Viele Reaktionen, die ich zu diesem Vorfall gelesen habe, deuten an, dass es ja nichts Schlimmes ist, wenn man einer schönen Frau ein Kompliment macht. Doch wenn man die Geschlechter verdreht, wird es hoffentlich deutlich, wie absurd das ganze ist.

Es ist schon bezeichnend, dass auf dem Podium ausschließlich Männer saßen. Und die Ignoranz, die man aufbringen muss, um eine anwesende Person zu ignorieren, nur weil sie nicht ins übliche Schema passt, kommt nicht von ungefähr. Die Politik in der westlichen Welt wurde zu lange von alten, weißen Männern gemacht. Und das trifft nicht nur Frauen, die sich in die Geschicke der Welt einmischen wollen: Obama ist als erstes ein Schwarzer und dann erst Präsident, Sebastian Kurz ist jung, Troudeau ist gutaussehend und Macron hat eine alte Frau.

Dabei sollte es in der Politik um Inhalte gehen. Äußere Attribute sind keine. Und in diesem Fall sind sie geradezu sexistisch: Frau Chebli wurde erst übersehen, obwohl sie anwesend war und dann wurde ihr ein fragwürdiges Kompliment für ihr Äußeres gemacht. Als ob es unmöglich ist, eine erfolgreiche Politikerin und eine junge Schönheit gleichzeitig zu sein.

Ob der Vorsitzende des Podiums ein Sexist ist, ist gar nicht die Frage. Die Situation war sexistisch und es liegt nicht an dem einen Mann, der falsch reagiert hat, es liegt daran, dass es eben tatsächlich eine Besonderheit ist, wenn junge, schöne Frauen sich inhaltlich einbringen. Denn sie werden auf dem Weg zur Politikerin immer wieder belächelt und nicht ernst genommen.

Es ist schon wahr, dass wir Frauen gerne Komplimente hören, vor allem wenn wir uns mit Kleidung und Make-Up viel Mühe geben, um gut auszusehen. Selbstverständlich gehöre auch ich dazu. Die Frage aber ist, ob es in genau diesem Moment passend ist. Wenn man etwa auf einer Aftershowparty sich unterhält und flirtet, spricht nichts dagegen, so ein Kompliment zu machen. Wenn man aber in der Funktion einer Staatssekretärin bei einer politischen Veranstaltung teilnimmt, ist der Spruch: „Sie sind ja eine schöne, junge Frau“ höchst sexistisch und unpassend.

Es ist noch immer schwierig für eine Frau, gerade in der Politik, in die festgefahrenen männlichen Netzwerke einzubrechen und eine wichtige Position zu erreichen. Ich erlebe auch immer wieder, dass man als Frau oft nicht ernst genommen wird und einer Frau oft weniger zugetraut wird. Und das ist Sexismus. Auch ganz ohne Anzüglichkeiten.

Ich habe inhaltlich große Differenzen mit Sawsan Chebli. Wir wären auf einer politischen Bühne erbitterte Gegnerinnen. Aber mit ihrem Aussehen hätte das überhaupt gar nichts zu tun. Und mit meinem übrigens auch nicht.

Morddrohungen gegen Michaela (ex-MdB)

Wir haben Michaela 2016 kennengelernt, als sie mit einer Delegation von Bundestagsabgeordneten in Israel zu Besuch war. Ihre offene Art, ihr verschmitztes Lächeln und ihre klaren Positionen haben uns beide beeindruckt.

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Michaela Engelmeier, Jenny Havemann, Katharina Kunert, Eliyah Havemann (v.l.)

Sie ist eine Politikerin, wie man sie sich wünscht: Sie ist Sportpolitikerin mit einer eigenen Sportlerkarriere (Mitglied der Judo Nationalmannschaft und heute Vizepräsidentin des DJB), die als Quereinsteigerin mit einer Portion Glück und viel ehrlichem Enthusiasmus 20

13 den Sprung ins Deutsche Parlament geschafft hat. Sie stammt nicht aus einem Parteikader, ist keine Industrielle mit Eigeninteressen oder Aufsichtsratsposten und ihre beiden Nebenjobs während ihrer Zeit als MdB sind allesamt 100% ehrenamtlich ohne Zuwendungen oder Aufwandsentschädigungen. Sie hat es sich auch nicht bequem gemacht als Hinterbänklerin, sondern sie hat Politik gestaltet. Sie war viel unterwegs, hat wichtige internationale Beziehungen für den Deutschen Sport geknüpft und das Wahlprogramm der SPD im Wahlkampf 2017 trägt in Teilen auch ihre Handschrift.

Und sie ist eine Freundin Israels. Das ist in der SPD leider keine leichte Sache, wenn Spitzenpolitiker wie Schulz die Brunnenvergifterlegende des Palästinenserpräsidenten Abbas „inspirierend“ findet und Sigmar Gabriel den selben Mann als Freund bezeichnetund Steinmeier Kränze für den Terroristen Arafat niederlegt. Aber sie liess sich nicht beirren, hat nie aus falschen Erwägungen mit ihrer Meinung hinter dem Berg gehalten und hat auch uns bei ihrem Besuch 2017 im Café Hamburg mit klaren Positionen zur Nahostpolitik ihrer eigenen Partei überrascht.

War das der Grund, warum sie in ihrem Wahlkreis keinen Listenplatz ergattert hat, der ihr den Wiedereinzug in das Parlament ermöglicht hätte? Immerhin war sie das Gesicht ihres Wahlkreises und musste sich zweitplatziert als Direktkandidatin dem CDU-Mann geschlagen geben.

Das Wahlergebnis war für sie eine herbe Enttäuschung. Nicht nur persönlich, nicht nur, weil ihre SPD so schlecht abgeschnitten hat, sondern vor allem auch, weil die rechtsradikale AfD mit Positionen, die den ihren diametral entgegen stehen auch in ihrem eigenen Wahlkreis zweistellig war. Vor der Kamera von Journalisten befragt, war sie den Tränen nahe. Sie ist eben ein Mensch. Kein Parteifunktionär, der funktioniert.

Die AfD Anhänger überschütteten sie daraufhin mit bitterer Häme. Doch nicht nur das, sie ist echten Morddrohungen ausgesetzt. Drohungen, die die Polizei sehr ernst nimmt.

Schon während ihrer Zeit im Bundestag war sie mit Hass konfrontiert. Vor allem aus den sozialen Netzwerken wurde sie tagtäglich attackiert. Sie hielt daher das NetzDG für eine gute Idee, auch wenn es nur ein Strohhalm war, an dem sie sich festgehalten hat.

Der Hass ist aus den Sozialen Netzen ausgebrochen und sitzt in Fraktionsstärke im Bundestag.

Und Michaela sitzt vor einem Scherbenhaufen. Wir haben sie als Kämpferin und starken Menschen kennengelernt. Sie wird die Scherben wieder zusammenkehren und weitermachen.

Wir hoffen, dass ehrliche Politiker in Zukunft auch dann erfolgreich sind, wenn sie wie Michaela ehrlich gegen Rassismus, Antisemitismus und Hass aufstehen und nicht nur, wenn sie ganz ehrlich ihrem Hass freien Lauf lassen und dann als AfD Abgeordneter die Hinterbänke im Parlament vollpupsen.

Michaela, wir wünschen Dir für die Zukunft das Beste!

Jenny&Eliyah Havemann

Frauen in die Politik!

Ẁas bedeutet es für eine Frau, Karriere zu machen? Vor allem in der Politik?

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Mit meiner Freundin Tanya beim Event

Zu diesem Thema gab es gestern eine Diskussionsveranstaltung mit der Knessetabgeordneten Ksenia Svetlova in Tel Aviv (auf Russisch). Sie gehört zwar einer anderen Partei an als ich, aber das Thema interessiert mich. Daher fuhr ich zu der Veranstaltung.

In dem Gespräch erzählte sie über ihren Weg in die Politik und insbesondere darüber, welche Steine ihr als Frau in den Weg gelegt wurden.

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Ksenia Svetlova

Bevor sie ihre politische Kariere im Jahr 2015 startete, war sie eine sehr erfolgreiche israelische Journalistin. Sie hat Arabisch studiert und arbeitete viele Jahre für den russisch-israelischen Sender „9tv„. Während ihrer Arbeit dort ist es ihr im Jahre 2002 gelungen, als einzige Israelische Journalistin ein Interview mit dem gerade ernannten Finanzminister der Palästinensischen Autonomiegebieten Salam Fayyad zu führen, obwohl er in den ersten Monaten seiner Arbeit allen Anfragen von Journalisten grundsätzlich abgelehnt hat. Er wurde als Hoffnung für den Frieden gehandelt, da er einen neuen Kurs gegenüber Israel wollte und gegen die Korruption in den PA gekämpft hat.

Sie hat über Monate tagtäglich sein Büro angerufen und auf Arabisch gefragt, ob sie für einen israelischen Sender ein Interview machen kann. Irgendwann war seine Sekretärin so genervt, dass sie ihr verriet, wo er sich am nächsten Tag mit einer europäischen Delegation aufhalten würde. Ksenia fuhr also mit einem Kameramann nach Ramallah, mitten während der zweiten Intifada und schaffte es so, ein Exklusivinterview zu führen.

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Event Selfie

Sie erzählte über noch viele andere Erfahrungen in Gaza und in der arabischen Welt als Journalistin. Vor allem erzählte sie, dass sie bei jedem Schritt ihrer Karriere unterschätzt und nicht ernst genommen wurde. Der Grund war, dass sie eine Frau war.

Sie berichtete auch, wie sie 2014 von Tzipi Livni gefragt wurde, ob sie für Tzipis Partei Hatnuah (als Teil der Zionistischen Union) bei der nächsten Knessetwahl kandidieren will. Die ganze Geschichte war sehr spannend aber was für mich am interessantesten war, waren die Geschichten aus dem Innenleben der Knesset. Die anfängliche Abneigung gegen sie von Seiten der Männer war sehr groß. Sie musste darum kämpfen, ihre Sprechzeit, die ihr in den Ausschüssen zustand, auch zu bekommen. Mühsam lernte sie, dass sie ohne die anderen zu unterbrechen, nie zu Wort kommen würde.

Es kamen viele interessante Fragen von den Gästen. Eine Frau fragte etwa, welche Gesetze leicht und welche schwer durch Abstimmungen zu bekommen sind. Schwierige Themen für Gesetze sind ihr zufolge Wirtschaftsthemen, die große Unternehmen direkt betreffen. Aber es gibt auch einfache Gesetze, die ohne lange Vorbereitung durchs Parlament gehen. Allerdings ist deren Nutzen oft zweifelhaft. So hat etwa der Likudabgeordnete Oren Hazan (der mit dem peinlichen Trumpselfie) im letzten Jahr ein Gesetz eingebracht, demzufolge Israel offiziell nur noch „Medinat Israel“ (der Staat Israel) genannt werden darf. Für so ein triviales Gesetz riskiert niemand eine Koalition, auch wenn es absolut sinnlos Kosten für Formularneudrucke und mehr nach sich zog. Als hätten wir sonst keine Probleme…

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Aussicht aus dem Veranstaltungsort von der „Rosa-Luxemburg-Stiftung“ auf Rothschildt in Tel Aviv

Wählen gehen zu den Hohen Feiertagen

wahl2017roshhashanahDie Hohen Feiertage im Jüdischen Kalender haben begonnen. Wie jedes Jahr drängen sich die einzelnen Feier- und Fasttage eng aneinander, warum manche auch von einem Feiertagsmarathon sprechen. Besonders in diesem Jahr, wo Rosch Haschanah auf Donnerstag und Freitag fallen und nahtlos in den Schabbat übergehen: Drei Tage am Stück nur Essen, beten und schlafen. Heute ist dieser Auftakt zu Ende gegangen.

Wir wünschten uns „Chatima Tova“ an Rosch Haschanah und dann „Gmar Chatima Tova“ zu Jom Kippur. Übersetzt heisst das: Mögest Du im Guten [ins Buch des Lebens] eingeschrieben werden“. Das vorangestellte „gmar“ steht für den Abschluss, das endgültige Urteil, das an Jom Kippur über uns gefällt wird.

Harter Tobak. Und vor allem einer, der komplizierte theologische Winkelzüge erfordert. Denn wie kann man abschließend eingeschrieben sein und dennoch einen freien Willen haben? Wozu noch Gutes tun und beten, wenn das Schicksal doch bereits beschlossene Sache ist?

Die Rabbiner lehren uns, dass man sich natürlich für das nächste Jahr wieder ein positives Urteil verdienen muss und dass man durch gute Taten und Gebet ein anderer Mensch wird. Ein Mensch, über den es noch kein abschließendes Urteil gibt.

Viele Menschen in Deutschland haben sich auch noch kein abschließendes Urteil darüber gebildet, wen sie morgen, am 24. September wählen sollen. Der Wahltag ist der Sonntag nach Rosch Haschanah und ausserdem der Fasttag Tzom Gedaliah, der den Verlust der Kontrolle über die Stadt Jerusalem betrauert. An diesem Tag wurde das Schicksal des Tempels in Jerusalem besiegelt.

Kontrollverlust ist auch eines der großen Themen des Wahlkampfes in Deutschland und am 24. September liegt die Kontrolle für kurze Zeit in der Hand der Wähler. Und es gibt noch viele Menschen in Deutschland, die vor ihr Urteil, für welche Partei sie ihr Kreuz machen werden, noch kein „gmar“ vorangestellt haben.

Rosch Haschanah ist der Tag, an dem wir Jahr für Jahr Gott wieder als unseren König krönen. Die Regierung des Landes hat mit den vier Jahren mehr Vertrauensvorsprung. Ich wünsche mir sehr, dass viele Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Dass sie wählen gehen und damit extremistischen Ansichten und Parteien die Stirn bieten. Dass sie die Demokratie lebendig halten, so wie wir jedes Jahr unsere jüdische Religion aufs Neue feiern.

Und genau wie wir Menschen, die wir zwar unser Schicksal am Yom Kippur besiegelt sehen und uns dennoch weiter bemühen müssen, genau so ist die Regierung in den vier Jahren ihrer Herrschaft nicht frei von Rechenschaft. So gesehen ist der theologische Winkelzug nichts anderes als das wirkliche Leben.

Ich habe in letzter Zeit immer öfter Menschen getroffen, die genervt sind von der Demokratie. Die sich eine kluge, handlungsfähige Führung wünschen, sei es eine Technokratie, Epistokratie oder eine Monarchie mit einem „guten“ Herrscher. Die hohe Zustimmung für Putin in Russland zeigt das deutlich, aber auch in Deutschland gibt es immer mehr Menschen, die solchen Ideen anhängen. Mich erschrickt das. Ich wünsche mir mehr Lust an der Demokratie, mehr Lust am rumnörgeln und Kompromisse finden. Das Ergebnis wird nie ideal sein, nicht mal immer zum Wohle der Mehrheit. Es ist wie das Leben. Nie perfekt, aber wunderbar.

Wir werden am Jom Kippur eingeschrieben ins Buch des Lebens. Und wir ergeben uns dennoch nicht unserem Schicksal. Und wenige Tage vorher sind die Deutschen aufgefordert, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Und ich werde das aus Israel mit großem Interesse verfolgen. Leben die Deutschen die Demokratie? Schreiben sie Deutschland ein ins Buch des Lebens?