Anschlag in Tel Aviv kurz vor dem Holocaust-Gedenktag

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Veranstaltung in Ra’anana zum Yom Hashoah

Seit gestern machte ich mir Gedanken darüber, ob und was ich zum heutigen Holocaust-Gedenktag schreiben soll. Irgendwie schreibt man doch sowieso immer das selbe: „Erinnern ist wichtig, Holocaust darf sich nicht wiederholen“ und andere Floskeln.

Als ich heute Nachmittag auf dem Weg zum Kindergarten war um meine Kinder abzuholen, las ich, dass mitten in Tel Aviv an der Strandpromenade vier Menschen von einem Terroristen mit einem Messer angegriffen wurden. Zum Glück wurde nach jetzigem Stand niemand ernsthaft verletzt.

Aber es trifft mich doch mitten ins Herz. Ein Paar Stunden, bevor wir unseren im Holocaust verstorbenen Verwandten gedenken und wir bei den zahlreichen Gedenkfeiern in fast jeder Stadt in Israel in Tränen ausbrechen, versucht jemand meine Mitmenschen umzubringen, nur weil sie Juden sind.

Einige sind der Meinung, wir haben Israel dem Holocaust zu verdanken. Das ist natürlich äußerst zynisch und ist meiner Meinung nach auch nicht zutreffend. Was aber schon stimmt ist, dass durch den Holocaust das Nationalgefühl in Israel ein Besonderes ist. Man hat es satt, immer wieder Opfer in der Geschichte sein. Holocaust war der Höhepunkt der jüdischen Opfergeschichte. Jetzt sind wir in der Lage, uns selbst zu verteidigen. Deshalb hing der Anschlag heut in Tel Aviv mit dem heutigen Holocaust-Gedenktag zusammen. Der Terrorist wurde überwältigt und eingesperrt. Er wird seine Strafe bekommen. Das war für unsere Verwandten vor nicht mal 80 Jahren nicht möglich. Nicht nur wurden sie systematisch und grausam ermordet und kaum einer ist eingeschritten, sondern sogar noch nach dem Holocaust sind bis heute etwa 90% der Deutschen, die am Holocaust beteiligt waren, nicht zur Rechenschaft gezogen worden.

Zu diesem Thema habe ich letztes Jahr die Kampagne #WoSindDieTäter gestartet.

Ich kenne aber auch viele tolle Menschen, die sich gegen das Vergessen mit wichtigen Projekten einsetzen. Ich kenne auch tolle Organisationen, die gegen den Antisemitismus heute kämpfen. Ihnen möchte ich danken.

Ich habe mich entschieden, auch einen bescheidenen Beitrag für die Zukunft zu leisten. Letztes Jahr gründete ich hier in Israel eine Organisation, die sich für Deutsch-Israelische Beziehungen einsetzt. Eines unserer Projekte ist ein Deutsches Bildungszentrum, wo Kinder aus deutschsprachigen Familien die Deutsche Kultur und Sprache lernen.

Trauern und Erinnern an die Deutsch-Jüdische Vergangenheit ist und bleibt wichtig, aber was wir aus unserer gemeinsamen Zukunft machen, ist noch viel wichtiger.

Die Deutsche Flaschensammlerin

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Lecker Brötchen, kleiner Mann

Das war ein #onlyinisrael Moment! Ich saß mit den Jungs in Ra’anana im Café, da kam eine ältere Frau vorbei, die Verwertbares aus dem Müll sammelte. Sie hörte die Kinder miteinander sprechen und während ich meinen Kaffee geholt habe, fing sie damit an, mit meinem Älteren auf Deutsch zu sprechen. Auch wir unterhielten uns kurz. Die Frau fragte mich etwa, wie lange wir schon in Israel wohnen. Sie erzählte, dass sie in Frankfurt geboren wurde und schon seit „100 Jahren“ hier lebt.

Es war eine interessante Begegnung und ich finde es etwas schade, dass wir nicht länger sprechen konnten. Über ihren Weg aus Frankfurt nach Ra’anana und ihr Leben hier als als Flaschensammlerin, hätte ich gerne mehr gehört. Aber am schönsten war, dass daraufhin der Junge, der in dem Café arbeitete und uns beobachtet hat, der Frau auf  Kosten des Hauses Kaffee angeboten hat. Sie hat ihn übrigens abgelehnt.

An der Grenze zum Libanon

Es sind gerade Pessach-Ferien und alle fahren in Urlaub. Die Hotels nehmen Mondpreise. Erstens, weil sie es können und zweitens, da viele von ihnen ihre Küche für Pessach umkrempeln mussten. Wer Angst hat vor dreckigen Hotelküchen, der sollte genau jetzt Urlaub machen. Zu Pessach wird in koscheren Hotels garantiert jede Krume Dreck entfernt.

Wir haben uns in unserem alten Opel auch auf den Weg in den Norden des Landes gemacht. Und wenn ich Norden sage, dann meine ich Norden. Im diesem Moment sitze ich keine 200m von der Grenze zum Libanon entfernt. Hier sind wir im Kibbutz Misgav Am:

  

Die Fahrt dauerte ein paar Stunden länger als erwartet, da wir nicht die einzigen waren, die den Weg nach Norden eingeschlagen haben und so waren wir froh, in den Abendstunden uns im Kibbutz ein wenig die Füsse zu vertreten. Dabei sind die folgenden Bilder entstanden.

Leider ist der Himmel bedeckt und es regnet sogar ein paar Tropfen. Aber ich finde, die Bilder sind doch ganz gut geworden. Und den Schnee auf dem Berg Hermon konnten wir auch sehen.

Auf dem Rückweg unseres Spazierganges wurden wir noch Zeuge der Muezzin, die vom Libanon zu uns herüberschallten. Sie holen alles aus den Lautsprechertröten heraus, was da ist, ungeachtet jeder disharmonischen Übersteuerung. Und Klänge, vor allem die lauten, halten sich nicht an Staatsgrenzen und schallen einfach hinüber.

Tel Aviv im Frühling 

Ron Huldai, der Bürgermeister Tel Avivs

Der Bürgermeister von Tel Aviv, Ron Huldai, hat meine Frau Jenny (und damit auch mich und unsere Kinder) zum Frühlingsfest auf dem Givon-Platz eingeladen. Er sprach über Pessach, die Freiheit, für die dieser Tag steht und natürlich über Tel Aviv.

Jenny und ich

Die Stadt ist eine einzige Dauerbaustelle. Das kann furchtbar nervig sein, vor allem, wenn man mit dem Auto vorankommen will oder einfach mal etwas Ruhe braucht. Aber für Ron zeugt es von der Lebendigkeit der Stadt. Tel Aviv ändert täglich sein Gesicht und bewahrt dennoch sein Antlitz. Und der Givon-Platz ist ein fantastischer Ort für solche Gedanken. Denn dort prallen Erneuerung und Verfall aufeinander. Ich habe das in ein paar Fotos eingefangen.

Kalenderfrühjahrsmonat Nissan

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Frühlings-Nissan

Es ist Frühling! In Israel blühen die Blumen und die Temperaturen sind endlich wieder deutschlandhochsommerlich.

Heute früh bin ich noch vor 6 Uhr aufgestanden, um in die Synagoge zum Morgengebet zu fahren. Wir sprachen das besondere Gebet für „Rosch Chodesch Nissan“, also für den Neumond und Monatsbeginn des ersten Monats im Jahr, der Nissan, und das wollte ich nicht verpassen.

Der erste Monat? War Neujahr nicht irgendwann im Oktober? Und warum Nissan? Gab es etwa Product Placement schon in der Torah?

Natürlich nicht. In der Torah heisst der Monat einfach „Der erste Monat“ oder der „Frühlingsmonat“. Der Grund ist, dass dies der erste Monat nach dem Auszug aus Ägypten war und damit der Monat, in dem das Jüdische Volk geboren wurde und einen eigenen Kalender etablierte. Daher ist Nissan zwar nicht der erste Monat im Kalenderjahr, aber dafür der erste Monat in einem jüdischen Kalender überhaupt! Damals hatte er noch keinen eigenen Namen, den hat er erst, seit ein japanischer Großindustrieller, der heute Autos baut, sich im rabbinischen Judentum eingekauft hat. Die Sponsoren der anderen Monatsnamen, etwa Marcheschwan oder Aw, sind inzwischen leider pleite gegangen und niemand anderes wollte deren Platz im Kalender kaufen*.

In den Monat Nissan fällt das Pessachfest. Wir feiern bei diesem Frühlingsfest, wie Pessach auch heisst, den Auszug aus Ägypten, die Geburt unsere Volkes, unsere Freiheit. Da unsere Monate aber Mond-Monate sind, ist das reguläre Jahr etwa 11 Tage zu kurz gegenüber einem Sonnenjahr. Ohne Korrektur würde Pessach also durch das Jahr wandern, so wie etwa der Ramadan bei den Muslimen, die einen reinen Mondkalender haben. Das darf nicht sein, Pessach muss im Frühling sein. Die nötige Korrektur erfolgt durch das Einschieben eines zweiten Monats Adar, der vor Nissan eingefügt wird. Bevor der Kalender festgeschrieben war, wurde dieser Einschub je nach Reife der ersten Gerste in Israel entschieden, denn die Gerste ist essentieller Teil des Pessachopfers.

Der jüdische Kalender ist also am Frühjahrsfest Pessach ausgerichtet, und daher ist Nissan tatsächlich der erste Monat im Jahr.

*Aber das mit dem Namenssponsoring ist natürlich Quatsch. Die Namen der Monate sind Persisch und wurden anstelle der einfachen Numerierung wie in der Torah während des Babylonischen Exils übernommen.

P.S.: Der jüdische Kalender ist wirklich faszinierend. Ich habe vor etwa einem Jahr einen zwölfstündigen Online-Kurs dazu bei Lilmod.org gegeben, den man sich hier noch mal als Video ansehen kann.

Danke, Tachles!

In meiner Gemeinde hier in Raanana gibt es eine Familie aus der Schweiz. Das sind nicht nur wirklich nette Menschen, es ist auch unglaublich praktisch, sie zu kennen. Denn so merken meine Kinder, dass wir zuhause nicht die einzigen auf der Welt sind, die diese sonderbare Sprache „Deutsch“ sprechen, es gibt noch mehr solche Menschen! Sogar hier in Raanana!

Und ausserdem bekam ich so erstmals eine gedruckte Ausgabe der Zeitung Tachles in die Hand, in der seit ein paar Monaten regelmässig Texte von mir erscheinen:

Beim Durchblättern habe ich diese wunderschöne Empfehlung für dieses Blog hier entdeckt.

Danke, Tachles!

Eklat in den Vereinten Nationen

Tapfer im Nirgendwo

Am 20. März 2017 kam es zu einem Eklat im sogenannten Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen. An dem Tag nämlich schlossen sich finstere Diktaturen in dem Versuch zusammen, die Verteidigung von Menschenrechten zum Schweigen zu bringen.

Am 20. März 2017 sprach Hillel Neuer für die Organisation UN Watch im sogenannten Menschenrechtsrat:

„Wird die Welt der Wiener Erklärung gerecht, die grundlegende Menschenrechte bekräftigen will? Wir fragen die Regierung des türkischen Präsidenten Erdogan, wenn er sich Sorgen macht um die Menschenrechte, warum hat sie erst jüngt mehr als hunderttausend Lehrer, Dekane, Richter, Staatsanwälte, religiöse Vertreter und Beamte? Wir fragen Pakistan, wann werden Sie Asia Bibi freilassen, die unschuldige, christliche Mutter von fünf Kindern, die zur Zeit in der Todeszelle sitzt, aufgrund des absurden Vorwurfs der Blasphemie? Wir fragen Saudi-Arabien, wann wird Sie die Geschlechterapartheid beenden? Wann hören Sie mit der anhaltenden Unterdrückendung sämtlicher religiöser Praktiken auf, die nicht zum wahhabistischen Islam gehören? Wann…

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