Das zerrissene Mutterherz

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Als Kant sagte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, ahnte er vielleicht nicht, was das für Frauen zur Folge hat. So glücklich wir, die zivilisierte Welt über die Aufklärung und ihre Folgen sind, umso mehr sind wir innerlich zerrissen über die Möglichkeiten der modernen Welt.

Vor der Aufklärung hatten die meisten Frauen kaum eine Wahl: Ihnen wurden fast alle Entscheidungen abgenommen. Etwa, wen sie heiraten werden oder wie viele Kinder sie bekommen. Auch der Job war meist vorherbestimmt, entsprechend des Standes, in den man geboren wurde. Da Frauen weder wählen noch studieren durften, hatten sie auch hier keine Entscheidungen zu treffen.

Obwohl ich eine leidenschaftliche Feministin bin, gibt es Tage an dem ich mir die Welt von vor Kant zurück wünsche.

Heutzutage stehen Frauen vor allerlei Entscheidungen, bei denen sie sich ihres eigenen Verstandes bedienen müssen.

Entscheidungen wie: Was studiere ich? Wann studiere ich? Sollte ich während des Studiums Kinder kriegen oder erst danach? Kann ich in dem von mir gewünschten Beruf arbeiten und gleichzeitig eine Familie gründen? Will ich überhaupt Karriere machen? Wenn ich Karriere mache und Kinder haben will, wie schaffe ich beides gut? Wieviele Kinder will ich? Die Liste der Fragen könnte ich noch lange erweitern. Die eine oder andere Frage haben sich andere Frauen bestimmt auch schon gestellt.

Dass wir in Israel leben, hat für die Familienplanung viele Vorteile aber auch große Nachteile. Da in Israel so ziemlich jede Frau, unabhängig von der sozialen Schicht, im Schnitt drei bis vier Kinder hat, ist es gesellschaftlich und beruflich sehr einfach. Man unterstützt sich gegenseitig, tauscht sich aus und Arbeitgeber stellen Frauen ein, unabhängig davon, ob sie verheiratet sind oder nicht. Wenn sie nicht schon Kinder haben, werden sie auf jeden Fall welche bekommen.

Die Nachteile sind finanzieller Natur. Anders als in Deutschland, bekommt man in Israel kein Elterngeld, der Mutterschutz dauert ganze drei Monate und vom Kindergeld kann man sich nicht mal die Windeln leisten. Und das Leben ist hier generell ungleich teurer.

Doch die Fragen, die ich oben gestellt habe, beschäftigen hier die Frauen genauso wie in Deutschland.

Zu meinem Nachteil vielleicht, kann ich es mir nicht vorstellen, ausschließlich Hausfrau und Mutter zu sein. Das hat was mit meiner Natur zu tun. Außerdem ist es eine sehr stressige und körperlich anstrengende Arbeit. Leider habe ich es nicht geschafft, fertig zu studieren, bevor ich Mutter wurde.

Nach fünf Jahren in Israel und sechs anstrengenden Umzügen innerhalb des Landes, stehe ich vor der Zerrissenheit zwischen meinen verschiedenen Leben.

Ich habe zwei tolle Jungs in die Welt gesetzt. Mein Mann unterstützt mich sowohl in familiären als auch in beruflichen Dingen. Ich bin gerade dabei, mir meinen Traum zu erfüllen und eröffne demnächst eine Gesellschaft, die sich für Deutsch-Israelische Beziehungen und Frauenrechte einsetzen wird.

Auf der anderen Seite gibt es aber noch die Hausarbeiten in der Uni, die nicht fertig sind, obwohl das Studium quasi vorbei ist. Ich beneide all die Frauen, die viel organisierter sind als ich es bin und es irgendwie schaffen Kinder zu kriegen, zu studieren und Karriere zu machen.

Jeden Tag frage ich mich: Soll ich weiter machen mit allen meinen unmöglichen Zielen, zugleich eine gute Mutter zu sein, eine gute Ausbildung abzuschliessen und noch dazu mit meiner Arbeit, die nicht weniger will, als Welt zu verbessern? Oder soll ich nur eines davon sein? Den manchmal habe ich das Gefühl, ich schaffe das alles nicht.

Ach Kant, die Welt war vor dir für Frauen so viel einfacher… Und schlechter.

 

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