#WoSindDieTäter

 

‪#‎WoSindDieTaeter‬

Die deutsche Justiz hat versagt: Von etwa 3000 Mitgliedern der vier SS Einsatzgruppen, die vor allem in Osteuropa, abseits der Vernichtungslager, über eine Million Menschen ermordeten, wurden ganze 24 dieser Mörder angeklagt und verurteilt. Die übrigen führten und führen ein unbehelligtes Leben. Die überlebenden Familienmitglieder der Opfer leiden bis heute in der dritten Generation unter dem Schmerz des Verlustes.

Einer nach dem anderen wird eine ganze Familie mit Waffengewalt von Soldaten aus ihrem Haus herausgezerrt. „Raus!“ schreien sie, „Raus, raus!“. Mutter, Vater und die kleine Tochter, die noch keine 6 Jahre alt ist, laufen aus dem Haus. Das Mädchen trägt ein hübsches blaues Kleid mit Blumen. Sie versteht nicht, was passiert. Verängstigt folgt sie mit ihren Eltern den Soldaten. Nach einigen Minuten kommen sie zu einer Stelle, an der noch andere Menschen aus ihrem Dorf stehen und auch von Soldaten bewacht werden. Die Soldaten zwingen sie, in ein großes Loch zu steigen. Das Mädchen klammert sich an ihre Eltern und klettert mit ihnen in das Loch. Die Soldaten fangen an, Erde auf die Menschen in der Grube zu schütten. Das kleine Mädchen guckt einen Soldaten an und fragt unschuldig: „Warum schütten Sie mir Sand in die Augen?“ Sie ahnt noch nicht, dass der Soldat sie gerade lebendig begräbt.

An diesem Punkt endet die Filmszene und auch meine Erinnerung an den Film. Doch dieser Filmausschnitt hat mich damals im Alter von etwa 7 Jahren schwer schockiert und sehr geprägt. Ich versuchte mir vorzustellen, es wäre nur Fiktion, aber es ist die Geschichte meiner eigenen Familie. Genau so wurde auch meine Familie im Holocaust von der SS-Einsatzgruppe C lebendig begraben. Meine Uroma erzählte uns all diese Geschichten wieder und wieder und ich wusste, dass auch ich diese Erinnerungen weiter tragen muss. Dieses unbeschreibliche Verbrechen darf nicht vergessen werden.

Letztes Jahr traf ich auf einer Veranstaltung einen Mitarbeiter des Simon-Wiesenthal-Centers. Sie pflegen eine Liste von SS-Einsatzgruppen-Mitgliedern, bei denen die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch am Leben sind, relativ hoch ist. Sie starteten bereits zwei Aktionen mit dem Titel „Spät, aber nicht zu spät“ mit dem Ziel, Hinweise zu noch lebenden Mördern zu finden, leider mit überschaubarem Erfolg.

Leider ist es für Strafverfolgung jetzt zu spät, denn die meisten Täter sind entweder schon tot oder werden in den nächsten Jahren sterben. Doch was bedeutet der Holocaust für die junge Generation? Laut einer Bertelsmann-Studie wünschen unverändert seit nunmehr 20 Jahren über 80% der Deutschen ein Schlussstrich unter der Aufarbeitung des Holocaust. Für die junge Generation der Opferfamilien kommt dies nicht in Frage.

In sozialen Medien über den Hashtag #WoSindDieTaeter will ich an die Verbrechen der SS-Einsatzgruppen, die auch meine Familie auf dem Gewissen haben, erinnern. Ich will auch mit dem Mythos aufräumen, die BRD hätte den Holocaust vorbildlich aufgearbeitet. Das mag für die historische Aufarbeitung stimmen, für die juristische aber, das zeigt dieses Beispiel deutlich, stimmt es mitnichten. Ich möchte, dass das Versagen der Justiz ins öffentliche Bewusstsein rückt. Denn auch die historische Aufarbeitung war ein mühsamer Prozess. Und ich will an meiner eigenen Biographie deutlich machen, dass diese Aufarbeitung noch nicht vollbracht ist.
Helfen Sie mir! Schreiben Sie in Artikeln, Blogposts und Nachrichten über diesen Aufruf, wenn er am 4-5 Mai 2016 zum Yom HaSchoa Tag in die Öffentlichkeit startet und nutzen Sie dabei immer den Hashtag #WoSindDieTaeter. Danke!

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23 Gedanken zu “#WoSindDieTäter

  1. Vielen Dank, Jenny! Das Einzige, was ich von meinen Urgroßeltern weiß, sind die Krankheitsverläufe und wie ihr Mörder ausgesehen hat:

    Von meinen Urgroßeltern selbst existieren keine Fotos mehr.

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  2. Tolle Aktion. Zum Glück war mein Opa kein Mitglied dieser Mördereinsatzgruppen. Ich kann nur die Gesellschaft nicht verstehen. Wenn jemand heutzutage einem Kind was antut wird am liebsten Lynchjustiz gefordert. Aber die brutalen Morde an Kindern von damals sollen ungesühnt bleiben weil man nen Schlussstrich ziehen will. Das ist für mich unlogisch.

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    1. @Alberto
      Man ist eben so schuldig, wie man sich fühlt. Somit gibt es keine Schuld. In den frühen Siebzigern habe ich mich mal mit einer Kreatur unterhalten, die bei mehreren Massenerschießungen von Juden mitgemacht hatte.
      Der Kerl war unschuldig! Schließlich hatte er die Drecksarbeit erledigen müssen, während die Ukrainer lachend daneben saßen und ihren mitgebrachten Proviant verzehrten. Wie konnte er also schuldig sein, da er doch nicht gelacht, sondern lediglich geschossen hatte?
      Für den war das logisch.

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      1. bastimaxi: Wenn Sie nichts zum Thema beizutragen haben, dann trollen Sie sich bitte. Abgesehen davon ist dieser Einwurf abscheulich. Wie können Sie es wagen, den industriellen Mord an sechs Millionen Juden mit den Opfern in Folge eines Krieges zu vergleichen, dazu noch von Opfern des „Volkes“, das diesen Krieg angezettelt hat.
        Wenn Sie diese Toten und Verletzten schon juristisch sühnen wollen, fassen Sie sich an die Nase Ihres eigenen Volkes. Denn das Deutsche Volk ist mit Begeisterung in diesen Krieg gegen die Welt gezogen und damit verantwortlich für die Toten auf allen Seiten.

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        1. @Eliyah:
          Getreu dem Motto: ‚Das deutsche Volk hat’s angefangen, dann sind alle Deutschen vogelfrei‘?

          Dieser Argumentation folgen glücklicherweise wenige und es hat auch massive Verbrechen gegen die deutsche Zivilbevölkerung gegeben. Das ist nicht zu verneinen und aktuelle und etwas objektivere Recherchen fördern hier eine Menge zu Tage. Aber eine, auch angenommene, ‚Kollektivschuld‘ einer Gruppe entbindet Täter nicht von einer Individualschuld. Das ist mit einer der Grundpfeiler der Anklage bei der Verfolgung von KZ-Wächtern. Und sollte eigentlich auch für alle Menschen gelten, auch wenn sie gegen das Nazi-Regime kämpften.

          Zudem geschah ein Teil der damals weitgehend undenkbaren Verbrechen außerhalb des Wahrnehmungsbereiches der Bevölkerung und die damaligen Kinder hierfür in Verantwortung sehen zu wollen ist etwas makaber.
          Es sei denn ich verstehe Sie völlig falsch.

          Den anderen Beiträgen des ursprünglichen Schreibers folgend war Ihre Antwort mehr als nötig, auch wenn ich fürchte weitgehend fruchtlos.

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          1. Verbrechen bleiben Verbrechen, egal von wem sie an wem begangen werden. Aber darum geht es hier nicht. Wenn ein Deutscher hier etwas von „Verbrechen (die weitaus schlimmer als die deutschen Verbrechen sind) die gegen mein Volk“ faselt, dann ist das doch ungeheuerlich.
            Deutschland hat diesen Krieg angezettelt und hat damit mindestens eine Mitschuld an allen Opfern dieses Krieges. Das ändert nichts an der Individualschuld der Soldaten anderer Armee. Nicht umsonst gibt es die Genfer Konventionen. Dennoch kann man hier nicht nach der Sühnung der Verbrechen an Deutschen schreien, bevor nicht alle anderen Verbrechen gesühnt sind. Es muss Prioritäten geben.
            Kollektivschuld darf es nicht geben, aber es gibt Kollektivschicksale. Davon können wir Juden ein jahrtausendelanges Lied singen.

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        2. @basti Deine Nazikommentare, die offenbar aus Textbausteinen zusammengestellt sind, werde ich hier nicht freischalten. Die Lügen, die Du darin verbreitest brauchen nicht noch eine weitere Platform hier.

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  3. Danke für Dein Kommentar! Du hast Recht, es ist auch unlogisch. Auch Antisemitismus und Rassismus sind unlogisch, die es heute noch genug gibt. Umso wichtiger ist es, dagegen zu kämpfen.

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  4. Nu ja, ganz unlogisch ist es nicht. Eine juristische Aufarbeitung hätte ja die selbe Sorte leisten müssen, die auf dem juristischen Felde mitgemacht hatte… Andere Juristen waren da ja wenige. Nicht zufällig wendet man erst jetzt neuerdings die Rechtskonstruktion des Mittäters an, wo die damaligen Haupttäter inzwischen im eigenen Bett gestorben sind.

    Und dass eine Gesellschaft, die das gedeckt hat, nun mit besonderer Schärfe Kinder schützt: Mich wundert das nicht.

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  5. Mich als Deutscher interessiert eher die Verbrechen (die weitaus schlimmer als die deutschen Verbrechen sind) die gegen mein Volk verübt wurden und die Tatsache das viele dieser Verbrecher in den USA, England, Russland, Israel usw. bis heute ein unbehelligtes Leben führen.

    Hier ist eine Aufarbeitung dringend noetig.

    Was sagen Sie denn dazu?

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      1. Das „deutsche“ Strafgesetzbuch…

        Und die Tatsache das Israel sich weigert solche Verbrecher auszuliefern…

        Das einzige Gute: Das Internet ermöglicht heute Dinge die ohne Internet so nicht möglich gewesen wären.

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    1. @bastimaxi: “Mich als Deutscher interessiert eher die Verbrechen … die gegen mein Volk verübt wurden und die …, bis heute ein unbehelligtes Leben führen.”

      Was ist denn mit den ermordeten deutschen Juden, den ermordeten deutschen Oppositionellen, den ermordeten deutschen Zeugen Jehovas, den ermordeten deutschen Homosexuellen, den ermordeten deutschen Psychiatriepatienten u.s.w.? Gehörten die nicht zu Ihrem Volk?
      Mich als Deutschen empören eben auch die Morde, die Deutsche an anderen Deutschen verübt haben.
      Falls Sie das nicht interessiert, frage ich mich, mit welchem Recht Sie “bis heute ein unbehelligtes Leben führen”.

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    2. @ bastimaxi:
      „Mich als Deutscher interessiert eher die Verbrechen (die weitaus schlimmer als die deutschen Verbrechen sind) die gegen mein Volk verübt wurden“ – bastimaxi 2016

      „weitaus schlimmer als die deutschen Verbrechen“? Ich gestehe Ihnen zu, es gab‘ auch Kriegsverbrechen der Alliierten. Allerdings ist allein die Wertung die Sie vornehmen schon strafwürdig, zumindest in meinem juristischen Verständnis.

      Die geplante, weiträumig organisierte Deportation, Versklavung, Ermordung und unzählige weitere Verbrechen, inklusive Vergewaltigung, Verstümmelung, unmenschliche Experimente, usw. gegen Juden, Homosexuelle, Andersdenkende, Oppositionelle, Widerständler und viele mehr soll weniger schwer wiegen als weitgehend spontane Racheaktionen, Plünderungen oder aufflammende ethnische Konflikte nach Wegfall der Diktatur? Das ist doch schwachsinnig!

      Oder meinen Sie die Angriffe alliierter Bomber? Für den Fall, dass es Ihnen entgangen ist, das 4. Genfer Abkommen zum Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten wurde im Jahr 1949 das Zusatzprotokoll I über den Schutz der Opfer internationaler bewaffneter Konflikte 1977 unterzeichnet. Meines Wissens nach lag WKII zeitlich davor.
      Aus heutiger Sicht mag es falsch sein, damals war es das nicht, zumindest aus juristischem Blickwinkel.

      Den Auftakt Ihres Posts lasse ich bis auf diesen Schlusssatz unkommentiert, sonst vergesse ich noch meine Umgangsformen.

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  6. Es passierte auch sonst immer wieder, halt nicht derart industriell wie der durch die Nazis!
    Nur keiner will wirklich hinschauen.
    Der Völkermord in Ruanda aber in seiner Intensität noch viel schlimmer. Und die ganze armselige Welt schaute zu, die Blauhelme sogar life vor Ort.
    Und Madeleine Albright, seinerzeitige US Außenministerin, selbst Jüdin hat sich geweigert das Wort Völkermord dafür anzuwenden um der USA die Kosten einzumarschieren um das zu stoppen zu ersparen.
    Solange man derart unanständig mit Menschen umgeht und nur agiert wo es Vorteile bringen könnte habe ich große zweifel, dass nicht noch viel schlimmeres passieren kann wie der Holocaust, Ruanda, Genozid an den Armeniern, die Mordwut um 1900 in Belgisch-Kongo mit 10 Millionen Toten!
    Ich kann nur raten:
    „Werdet wach Freunde! Richtig wach!“
    Es gäbe viel zu tun!

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  7. PS: Die deutsche Justiz war wie fast jeder andere Justiz zu jeder Zeit eine Gesinnungsjustiz.
    Mal mehr mal weniger … aber heute merkt man es wieder ganz stark.

    So wie die ganze Gesellschaft eine Gesinnungsgesellschaft ist, immer mit dabei, manchmal richtig opportunistisch, oft auch nur um keine Nachteile zu erleiden … und immer die Schnauze halten.
    Und zwar solange bis es weh tut und die Angst so langsam hoch kriecht, was dann wie heute die Gesellschaft spaltet weil die einen sie schon haben und die anderen noch wie in Schranken laufen.

    Ja liebe Jenny. Tritt ihnen richtig eine rein aber ich muss dich warnen, denn die werden es nicht mal merken … und wenn doch werden sie beginnen dich zu hassen!

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  8. Das Vergeben wird anhand eines solchen juristischen Versagens unglaublich schwer. Ein Vergessen würde einem Kapitalverbrechen gleich kommen. Die Aktion #WoSindDieTäter ist wohl eine der wichtigsten und emotionalsten Vorhaben seit 1945. Allein, dass es immer noch einige Deutsche gibt, die sowohl das 3. Reich, als auch die Shoah »gut fanden« und weiterhin Antisemitismus verbreiten, lässt die Dringlichkeit eines solchen Vorhabens deutlich werden. Allein mit der Vorstellung, dass HaSchem am Ende all diese Mörder richten wird, kann ich und viele anderen Menschen nicht leben, denn eigentlich hätten wir Menschen diese Mörder bestrafen müssen. Für dein Vorhaben und ein positives Gelingen wünsche ich dir alles Liebe und Gute. Schalom

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