Allheilmittel Integration?

integrationMeine Frau Jenny und ich hatten heute Morgen einen Streit. Es ging um Integration und sie haute mir Geschichten von gescheiterter solcher in den USA um die Ohren, wo es eine Gemeinde religiöse Juden gibt, in der kaum einer Englisch spricht und die sich komplett abgeschottet haben von der Umwelt.

Das hat (laut meiner Frau, ich habe die Geschichte nicht recherchiert) schreckliche Auswirkungen auf Frauenrechte und das sexuelle Selbstbestimmungsrecht der Menschen dort. Sie erzählte den Fall eines Transgendermannes, der von seiner Familie und Gemeinschaft verstossen wurde.

Ihr Standpunkt ist: Die müssen verdammt noch mal Englisch lernen! Auch in Deutschland wird von vielen Seiten verlangt, dass Neueinwanderer Deutsch lernen müssen.

Ich sehe das anders. Natürlich ist es unglaublich praktisch, die Landessprache zu sprechen. Ich bin Neueinwanderer in Israel und gebe mir redlich Mühe, Hebräisch zu lernen. Ich kenne aber auch Einwanderer, die es auch  nach 20 Jahren nicht über den Kassiervorgang auf Hebräisch an der Supermarktkasse hinausgebracht haben. Auch die sind Teil der Gesellschaft.

In den USA gibt es Gebiete, wo Englisch bestenfalls Zweitsprache ist. Das ist etwa in Chinatown so oder in den Hispanischen Gebieten im Süden der USA. Sind diese Menschen nicht integriert? Sind sie keine Amerikaner?

In Deutschland wiederum kann man perfekt Deutsch sprechen und ist dennoch nicht automatisch akzeptiert als Deutscher. Seinen „Migrationshintergrund“ wird man nicht mal dann los, wenn man ihn nur augenscheinlich hat, etwa weil die Hautfarbe „zu dunkel“ ist. Meine Frau selbst ist ein starkes Beispiel dafür. Sie wurde trotz perfektem Deutsch, ähnlicher Kultur und weisser Haut niemals als 100% Deutsch akzeptiert. Sie war und blieb die Jüdin aus der Ukraine.

Integration ist schön und durchaus erstrebenswert. Sie funktioniert aber nur, wenn beide Seiten sie wollen. Die meisten Deutschen aber verlangen die Integration nur von der anderen Seite, daher funktioniert sie auch so schlecht in Deutschland.

Ich glaube, wer in einem Land leben will, in das er eingewandert ist, muss genau zwei Dinge tun: Steuern zahlen und die Gesetze respektieren. Man kann zwar gerne mehr tun, aber auf keinen Fall weniger. Wer das nicht macht, der ist nicht funktionaler Teil der Gesellschaft: Etwa Salafisten, Nazis, Reichsbürger, Linksautonome, um nur einige davon zu nennen.

Aber Deutsch lernen? Gibt es denn keine Übersetzungen der Gesetzestexte? Vielleicht sollte man damit mal anfangen.

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4 Gedanken zu “Allheilmittel Integration?

  1. Ich stimme Deiner Frau zu. Ich stimme auch Dir zu, dass Sprache nicht alles ist. Aber ohne Sprache ist alles nichts. Würde Dir in Israel nicht sehr viel entgehen, wenn Du gar kein Hebräisch sprechen könntest? Wäre Deine Frau in Deutschland nicht noch viel mehr ausgegrenzt worden, wenn sie gar kein Deutsch gesprochen hätte?

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    1. Natürlich sollte man als Neueinwanderer die Sprache lernen, um am Leben besser teilhaben zu können. Verlangen soll man das aber nicht. Da bin ich zu liberal eingestellt. Die Grenze, die ein Staat ziehen muss, ist das Gesetz. Die Sprache ist nachrangig. Die Schweiz geht auch nicht daran zugrunde, dass die Schweizer in der Französischen Schweiz kein Deutsch sprechen. Trotzdem sind alle Schweizer.

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      1. Das kann keine liberale Position sein, Eliyah: Aus Gründen der Logik nicht.
        Warum: Weil Liberalismus & Pluralismus nur dadurch gefördert werden, indem es ermöglicht wird, dass sich jeder mit jedem verständigen kann.

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  2. Ich kann beide Seiten verstehen, was nicht heisst, dass ich es richtig finde.

    Integration ist natürlich keine Einbahnstrasse. Aber wie kann ich mich um Integration bemühen, wenn ich das Gegenüber nicht verstehe?

    Eine Gesellschaft ist ein Miteinander, kein Nebeneinander, finde ich. Und dazu gehört Kommunikation.

    Ich erlebe es zuhauf in meiner Nachbarschaft, 95% Ausländeranteil, keiner spricht deutsch, sie bleiben unter sich, wollen mit den Deutschen nichts zu tun haben, ist DAS Integration, nur weil sie nicht Gesetze übertreten?

    Und wie sieht es in den Schulen aus? Hier haben über 55% keinen Schulabschluss, weil sie kaum Deutsch sprechen, obwohl sie hier geboren sind. Was das für das Arbeitsleben später bedeutet, kann man sich ausmalen.

    Nicht nur das, die deutschen Mitschüler bleiben auf der Strecke und lernen weniger und schlechter, weil die Lehrer sich „runterschrauben“ müssen und den Lehrplan nicht erfüllen können wegen der nicht vorhanden Deutschkenntnisse der Migrantenkinder.

    Ich war früher total gegen die sog. „Zwangsgermanisierung“, ich bin davon ausgegangen, dass jeder, der hier leben will, auch die Sprache lernen will, also nicht gezwungen werden sollte.

    Heute sehe ich es anders, gerade wenn ich mir die Entwicklung in den Schulen und auf dem Arbeitsmarkt anschaue.
    Ich finde es traurig, dass man so zukünftige Sozialhilfeempfänger ranzüchtet.

    Dass es hier in D-land oft nicht so einfach ist, jemanden, der z.b. dumkelhäutig ist, aber einen deutschen Pass besitzt, als Deutschen anzusehen, das liegt eher daran, dass es hier eher eine Ausnahme ist, in Amerika gibt es ungleich mehr Farbige als hier, deshalb steht es in den USA gar nicht mehr zur Debatte, die Leute sind Amerikaner, aber hier ist es so selten, dass man schon mal fragt, wo denn die Wurzeln liegen und ich finde es nicht peinlich, wenn die Antwort kommt, sie seien hier geboren.

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