Bavaria‘s End of Year Empfang

Da war ich diese Woche mit einer Freundin beim Bavaria’s End of Year Reception in Tel Aviv.

Was für ein lustiger Abend. Bevor ich auf ein ähnliches Event gehe, denke ich, hoffentlich treffe ich noch Leute, die ich kenne. Und jedes Mal kenne ich fast Jeden, der in Israel lebt.

Es ist so schön so viele Freunde und Bekannte zu treffen und mit Ihnen zu quatschen. Bei meinem momentanen Kalender schaffe ich es kaum, Freunde zu sehen. Außer ich arbeite mit ihnen zusammen.

Außerdem sind solche Events eine perfekte Möglichkeit, sein Netzwerk auszubauen und/oder zu stärken. Auf diese Fähigkeit werde ich immer wieder angesprochen. „Du machst es so toll. Wie schaffst du es?“ Netzwerken hat zwei Komponenten. Das eine sind ein Paar Regeln, die man beachten sollte, und das zweite ist „Übung macht den Meister“.

Eine Sache war sehr seltsam bei diesem Event. Es gab einen Weihnachtsbaum. Der stand an der Seite neben einer israelischen Flagge. Natürlich gibt es Christen und auch Weihnachtsbäume in Israel aber es ist doch ein außergewöhnlicher Anblick.

Twitters Laienrichter

Screenshot from 2019-11-13 18-30-32

Tsafrir Cohen, der Leiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv mit ihrem Büro auf dem noblen Rothschild-Boulevard, sagte dem Deutschlandfunk etwas zum kürzlich erneut aufgeflammten Gaza-Konflikt, das mich ärgerte. Er ist der Meinung, dass wir Israelis und alle die hier leben (und damit auch er selbst) leider mit den Raketen leben müssen, die ziellos auf bewohntes Gebiet in Israel abgefeuert werden, denn so würden sich die Leute in Gaza jeden Tag fühlen. Das ist in so vieler Hinsicht schrecklicher Unfug, dass ich auf Twitter schrieb: „Da möchte man fast wünschen, dass so eine Rakete auf die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv fällt.“

Man beachte das „fast“ vor dem „wünschen“ und auch den Zusammenhang. Ich möchte natürlich nicht, dass eine Rakete im Rothschild-Boulevard im Zentrum einer der dichtbesiedeltsten Städte der Gegend herunter geht. Ich wünsche es nicht mal der Rosa-Luxemburg-Stiftung selbst, dass ihre Belegschaft samt Leiter sich in den obligatorischen Bunkerraum zurückziehen muss und dann aus eben diesem befreit werden muss, falls eine Rakete ihr Gebäude zerstört. Ich möchte nur darauf hinweisen, wie unglaublich zynisch Herr Cohen ist, wenn er solches sagt.

Irgend ein Twitter-User hat diesen Tweet wegen „abuse and harassment“ gemeldet. Und ich finde, der Vorwurf passt sehr gut auf die Aussage von Herrn Cohn. Nur nicht auf meinen Tweet. Deswegen habe ich der Sperrung widersprochen. Warum soll ich 7 ganze Tage meiner geliebten Timeline fremd bleiben, weil Herr Cohn ein menschenverachtendes Statement gemacht hat? Ich?

Twitter wurde vom NetzDG dazu verdonnert, Tweets zu moderieren. Es ist natürlich richtig, dass nicht jeder Müll einfach so stehen bleibt. Es ist nur nicht richtig, wie es umgesetzt wird. Und daran ist nicht mal Twitter selbst schuld. Das NetzDG verpflichtet Twitter, Richter und Vollstrecker in einem zu sein und gleichzeitig noch Anwalt und Staatsanwalt. Das finde ich mehr als problematisch. Das Argument, dass Twitter selbst entscheiden dürfen muss, wer was auf ihrer Plattform sagt, auch wenn es gegen kein Gesetz verstößt, greift zu kurz. Die Plattform ist zu groß, zu wichtig, als dass sie rein privatwirtschaftlich betrachtet werden kann.

Mein Widerspruch wurde drei Tage lang ignoriert. Das war leider nicht anders zu erwarten. Ich habe also klein beigegeben und den Tweet gelöscht (im Grunde aber: Der bereits erfolgten Löschung zugestimmt). Die 7 Tage zählen ab diesem Moment. Jetzt sind es noch vier Tage und 7 Stunden. Dann komme ich wieder und muss in Zukunft höllisch aufpassen. Die Laienrichter bei Twitter sind eben meistens nicht in der Lage, einen Tweet im Zusammenhang zu beurteilen und der Widerspruch ohne Unterstützung durch einen Anwalt zwecklos. Die Schere im Kopf, die meine Tweets verorwellt, wird wohl in Zukunft schneller zuschnappen.

Klebt einen Gelben Stern drauf!

 

klebestern
Foto: Viktor Hardarson via Twitter

Der Europäische Gerichtshof EuGH hat entschieden: Israelische Produkte aus der Westbank (Judäa und Samaria) müssen gesondert markiert werden, um dem Verbraucher eine Entscheidungsmöglichkeit zu geben. Mit anderen Worten: Damit er gezielt „Siedlerprodukte“ boykottieren kann. Es geht bei der Markierung nämlich nicht um alle Produkte aus dem Gebiet, sondern nur um die, die von Juden oder jüdischen Unternehmen produziert werden. Und das steht sogar ausdrücklich in der Urteilsbegründung drin.

Ich weiß ja nicht wie andere das sehen, aber ich finde das bedenklich. So bedenklich, dass ich einen überspitzten Tweet auf Twitter dazu abgesetzt habe.

Wie hältst Du es mit den Siedlungen?

Ich habe viel Zustimmung dafür bekommen. Aber nicht nur. Ich wurde unter anderem gefragt: Bist Du für Siedlungen? Das ist die Gretchenfrage der Israelkritiker, die ihre Kritik für durchweg legitim und nicht antisemitisch halten.

Am 9. November, wenn Deutschland sich der Kristallnacht schämt und des Mauerfalls freut, kreucht so manche Deutschtümelei an die Oberfläche. Nicht nur dort, in ganz Europa freuen sich Nazis an diesem Tag. Manche sogar ganz besonders „kreativ“. Das Bild oben stammt aus Schweden von genau diesem Tag. Ein Naziarschloch hat jüdische Häuser mit Judensternen markiert. Daran musste ich denken, als ich vom EuGH-Urteil hörte: Es werden 2019 wieder gelbe Judensterne aufgeklebt.

Doch wie halte ich es mit den Siedlungen? Bin ich dafür? Bin ich dagegen? Das will ich nicht mit einem Ja oder Nein beantworten.

Siedlungen und Frieden

Es gibt in Israel einen Witz, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, aber leider immer wieder aktuell wird, so wie jetzt gerade zur Eskalation in Gaza. Der Witz geht so:

Ein Exil-Israeli ruft bei Freunden in Israel an und fragt:
– Was gibt’s Neues? Wie ist die Lage im Norden?
– Ach, schrecklich! Die Hisbollah rüstet unter den Augen der UN auf und wir warten nur, dass es wieder explodiert.
– Und wie in Gaza?
– Grauenvoll. Der Islamische Jihad schießt Raketen aus allen Rohren und dass noch keiner tot ist, grenzt an ein Wunder!
– Hmm, und in der Westbank?
– Och, da ist alles ruhig, da haben wir uns ja noch nicht unilateral zurückgezogen!

Und das ist leider die bittere Wahrheit. Die Siedlungen garantieren uns den Frieden, zumindest den kalten Frieden.

Judenrein? Juden raus!

Die nächste Wahrheit ist, dass es nicht sein kann, dass es einen weiteren Ort auf der Welt geben soll, an dem es ausgerechnet und nur Juden verboten sein soll, zu leben. Davon gibt es schon genug auf der Welt. Wer behauptet, die Siedlungen seien ein unüberwindbares Friedenshindernis, denn sie machen die Zwei-Staaten-Lösung, die die einzige Lösung sei, unmöglich, der behauptet, dass die Palästinenser nur einen „judenreinen“ Staat haben wollen und können. Wer das will, mit dem habe ich keine Basis für Friedensgespräche. Tut mir leid. Es gibt keinen Grund, warum diese Dörfer nicht auch Jüdisch-Palästinensisch werden können, so wie es arabische Dörfer mit arabischen Israelis in Israel gibt.

Hebron

Ein besonderes Augenmerk verdient in dem Zusammenhang Hebron. Das ist eine „Siedlung“, in der sich das Grab der Jüdischen Patriarchen befindet und die seit Jahrtausenden von Juden bewohnt wird mit nur einer einzigen Unterbrechung: Die etwa 20 Jahre, die Jordanien das Gebiet besetzt hielt und alle Juden aus Hebron ermordet oder vertrieben hat. Die zurückgekehrten Nachkommen der Überlebenden gelten heute als Siedler und die zugezogenen Araber, die die Häuser der Juden gestohlen haben, als Einheimische.

Wirtschaft und Arbeit für Palästinenser

In den von der PA kontrollierten Gebieten ist die PA auch der größte Arbeitgeber. Das erklärt auch einen Teil ihrer Macht. Die Siedlungen aber sind knapp dahinter, sie beherbergen Industrie und Landwirtschaft, die viel Arbeit für Palästinenser bietet. Sodastream war ein Beispiel dafür. Doch die BDS-Bewegung hat erreicht, dass die Fabrik aus den Siedlungen ins israelische Kernland umgezogen ist. Gelitten haben darunter hauptsächlich die Palästinenser. Ein Boykott der Siedlungsprodukte trifft also auch die, mit denen man sich solidarisch wähnt. Und was ist friedensstiftender, als gemeinsam zu arbeiten und zu leben?

So halte ich es mit den Siedlungen!

Wenn man meine Zeilen bis hier hin liest, dann stellt sich die Frage: Warum sage ich nicht einfach laut und deutlich, dass ich ein Freund der Siedlungen bin? Nun, das bin ich eben nicht.

Ich kenne die Siedlungen von innen

Ich war, im Gegensatz zu wohl fast allen, die mir die Gretchenfrage stellen, mehrfach in verschiedenen Siedlungen. Nicht alle sind gleich. Manche davon würde ich sofort räumen, andere sofort an das Israelische Staatsgebiet angliedern.

Schwerbewaffnet am Schabbat

In einer Siedlung habe ich mal einen ganzen Schabbat bei einer Familie verbracht. Der Vater der Familie war Leiter der Sicherheitsabteilung dort. Mitten in der Siedlung steht eine große, schöne Synagoge aber er geht jeden Schabbat zum Morgengebet mit ein paar Freunden in eine kleine, heruntergekommene Synagoge mit Einschusslöchern in der Fassade abseits des Orts direkt neben dem Grenzzaun zur Straße. Auf der anderen Seite dieser Straße ist ein arabisches Dorf. Er und seine Freunde gehen dort hin, um den Arabern gegenüber zu zeigen, dass der Anspruch auf diesen Teil der Siedlung alle sieben Tage der Woche gilt. Ich wurde eingeladen, mit zu gehen. Meine Neugierde war größer als meine Angst und wir marschierten schwer bewaffnet mit Sturmgewehren und einem gepanzerten Armeemobil in der Nähe zu der Synagoge. Ich mittendrin, unbewaffnet natürlich. Das Gebet fand auf Holzbänken mit angelehnten Gewehren statt. Es war surreal.

Ich bin nicht einverstanden mit vielen Siedlern

Diese Männer und ich haben politisch nichts gemein. Ich bin nicht einverstanden mit ihrem Auftreten und der Aggression, die ihre Entscheidung, dort zu wohnen in sich trägt. Ich bin kein Freund dieser Siedler.

Es gibt genügend moralisch vertretbare Gründe, warum man diese Menschen aus dem Dorf vertreiben wollen könnte, in dem sie leben. Dass sie Juden sind, ist aber keiner davon.

Nazilieder auf Klassenfahrt

germany_deutschland_buchenwald_konzentrationslager_wire_nazi_alemania_kz-482663
Buchenwald – License: CC 2.0

Gut 200 km Straße trennt die Stadt Grünwald von der Holocaust Gedenkstätte KZ Buchenwald. Am 15. Oktober dieses Jahres legten Neuntklässler diesen Weg zurück mit ihrer Schule auf einer Klassenfahrt in die Deutsche Vergangenheit.

Kinder in Deutschland kennen Krieg und Vernichtung nur aus den Nachrichten ferner Länder, dem Geschichtsunterricht und aus Videospielen. Sie sind glücklicherweise in einem scheinbar ewig währenden Frieden aufgewachsen und all das Leid ist weit weit weg. Auf jeden Fall weiter als 200 km.

Ich war in einem ähnlichen Alter, als meine Schule alle Schüler in Bussen in ein Kino verfrachtet hat um uns den Film „Schindlers Liste“ zu zeigen. Damals war es nicht anders als heute und es war schrecklich. Die Kids hatten keinen Respekt und alberten um mich herum, während ich mit meinen Gefühlen kämpfte, da der Film auch einen Teil meiner Familiengeschichte widerspiegelt.

Traurig und erwartbar

Deswegen schockierte es mich nicht, über den Vorfall aus Buchenwald zu lesen. Drei der 14 jährigen Kinder haben auf dem Rückweg im Bus antisemitische Lieder abgespielt, offenbar auf ihren Smartphones, und die Texte laut mitgesungen. Man kann sich natürlich fragen: Warum kannten sie diese Lieder und Liedtexte überhaupt? War das den Lehrern vorher bewusst?

Gesungen haben sie die Lieder aber in genau diesem Moment, um diese Distanz, in der sie aufgewachsen sind und die das Leben so wohlig einfach macht, wieder herzustellen. Buchenwald musste direkt auf der Heimfahrt im Bus wieder entzaubert werden, die direkte Konfrontation mit dem Leid vor der eigenen Haustür wieder in die Ferne geschoben werden.

Keine Zwangsbesuche in Gedenkstätten!

Ich halte es für einen Fehler, Kinder zwangsweise so zu konfrontieren. Ich weiß, dass ich mit dieser Meinung relativ alleine bin. Die Erinnerung muss doch aufrecht erhalten werden!?

Ja, das muss sie. Aber diese drei Kids waren offenbar vorher schon mit Antisemitismus vergiftet und der Besuch in Buchenwald hat daran nichts geändert. Das ist so traurig wie erwartbar. Man kann eben nicht davon ausgehen, dass man alle erreichen kann mit der Erinnerung an den Holocaust. Es wird immer Menschen geben, die menschenverachtende Ansichten haben, aus Dummheit, aus Feigheit, aus Minderwertigkeitskomplexen, aus welchem Grund auch immer.

Es muss freiwillig sein, damit es funktioniert

Die Gedenkstätten sind dafür da, diejenigen zu erreichen, die auch erreicht werden können und wollen. Es muss für die Schüler freiwillig sein, dort hin zu gehen. Und wenn sie zurück kommen und dank des Besuchs wahrlich überzeugt davon sind, dass die Vergangenheit Deutschlands eine Verantwortung für die Menschen heute ist, dann sind sie der Impfstoff in der Gesellschaft, der widerspricht, wenn ein Antisemit Parolen grölt.

Die Gesellschaft gegen Nazis impfen

Dass es immer Nazis und Antisemiten gegeben hat und geben wird, muss man leider als gegeben akzeptieren. Aber die Nazis waren damals, und sind es heute wieder, nur deshalb so erfolgreich, weil es keinen ausreichenden Widerspruch gab und gibt in ihrem direkten Umfeld. Die Strategie muss sein, diesen Widerspruch zu stärken, die Menschen, die widersprechen zu stärken durch Erinnerung und vorgelebter Solidarität mit Juden heute. Und mit allen anderen Menschen, die Opfer gruppenbezogenem Menschenhasses sind.