ARD/Phoenix: Israel vor den Wahlen

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Als Susanne Glass von der ARD uns vor etwa einem Monat besucht hat, wussten wir noch nichts von der Allianz zwischen Benny Gantz und Yair Lapid, auch wenn Jenny sie im Interview vorausgeahnt hat.

Teile des Interviews gab es gestern im laufenden Programm von Phoenix und heute das ganze Interview im Netz bei der ARD:

https://www.phoenix.de/sendungen/ereignisse/phoenix-plus/israel-vor-der-wahl-a-912534.html

https://www.ard-telaviv.de/israel-vor-den-wahlen-3/

 

ZDF Film: Meschugge oder was?

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Screenshot aus dem Film

Dimitrij Kapitelman hat Jenny und mich letztes Jahr zu Slichot besucht. Er war bei uns zu hause, wir fuhren zum Strand von Herzeliyah und beteten an der Kotel in Jerusalem. Der Film dazu lief gestern Nacht im ZDF und er ist schön geworden, auch wenn Dimitrij mir darin vorwirft, durch meine Entscheidung zu konvertieren und nach Israel auszuwandern, meine Familie in Gefahr gebracht zu haben. Aber seht selbst:

https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/meschugge-oder-was-102.html

Nationalhymne gendern?

deutsche_fahneAls die Beatles in ihrem Song „All you need is love“ zu Beginn des Liedes die Französische Nationalhymne musikalisch zitiert haben, dachten sie an Paris als „Hauptstadt der Liebe“. An küssende Pärchen spazierend an den Ufern der Seine inmitten flatternder Friedenstauben. Sie dachten bestimmt nicht an die Zeilen:

Marchons, marchons!
Qu’un sang impur
Abreuve nos sillons!

Zu Deutsch:

Marschiert! Marschiert!
So dass unreines Blut
Unsere Äcker tränkt!

Der Rest der „Marseillaise“ ist nicht weniger blutig und so gar nicht lieblich.

Auch andere Hymnen haben keine friedlichen Texte. Die Amerikaner etwa besingen Bomben und Raketen.

Monarchenkult

Die Briten wiederum besingen ihren Monarchen und wünschen ihr oder ihm Siege und meinen damit militärische. Es gibt verschiedenste Versionen des Textes, je nach politischer Lage und amtierenden Monarch.

Nur die Niederländer trotzen dem Wandel der Zeit und besingen bis heute einen Deutschen Monarchen, der Spanien Treue schwört.

Verbotene Texte

Die Deutschen wollen in ihrer Hymne „über alles“ sein, aber verbieten sich selbst, diese Strophe auch zu singen. Es bleibt für den offiziellen Gebrauch nur die dritte Strophe, die das Vaterland besingt, das brüderlichen mit Herz und Hand verteidigt werden soll, damit es Glück für seine Bewohner bringt.

Die DDR wiederum fand den Text der eigenen Nationalhymne so subversiv, dass er kurzerhand komplett verboten wurde. Ähnlich halten es die Spanier, die die Franco-Hymne nur noch instrumental spielen oder summen.

Marschmusik

Musikalisch sind fast alle Hymnen dieser Welt Marschmusik, die dem Kampfgeist der Truppen stärken soll, die mit Übermut und Nationalstolz im Herzen kämpfen müssen. Ironischer weise ist die Israelische Hymne eine der wenigen der Welt in Moll und ohne Marschrhythmus, wo unsere Soldaten doch tatsächlich viel zu oft in den Krieg ziehen müssen. Offenbar funktioniert das auch mit deprimierender Musik ganz gut.

Viele Hymnen sind Kopien von oder Anlehnungen an bekannte Lieder und Musikstücke oder auch anderer Hymnen. Dass ausgerechnet Deutschland, das so viele begnadete Komponisten hervorgebracht hat (nein, ich rede nicht von Dieter Bohlen) eine der langweiligsten Melodien der Welt abbekommen hat, hat eine gewisse Ironie.

Ich persönlich kann die Deutsche Hymne nicht leiden. Und das meine ich komplett ohne den historischen Kontext. Text und Melodie sind so undramatisch wie die Regierung Merkel.

Dennoch will laut BILD am Sonntag die SPD Politikerin und Frauenbeauftragte Kristin Rose-Möhring den Text der dritten Strophe gendern und aus „Vaterland“ ein „Heimatland“ machen und aus „brüderlich“ „couragiert“. Und siehe da, wenn man die zweite Strophe auch erfolgreich gegendert hat, dann kann man sie auch wieder singen. Oder nicht?

Deutsche Bürger, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Bürger, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!

Anmut sparet nicht noch Mühe!

Mir soll es recht sein. Die Hymne ist eh so schlecht, die kann man nicht mehr verschlimmbessern. Zur Wiedervereinigung hätten wir die historische Chance gehabt, eine neue Hymne zu wählen. Haben wir aber nicht. Schade. Die wunderschöne „Kinderhymne“ von Bertolt Brecht wäre ein Kandidat gewesen.

 

All you need is love und fehlende Französischkenntnisse:

Offener Brief: Gregor Gysi

gysi

Sehr geehrter Gregor Gysi,

geehrt werden Sie in letzter Zeit häufig: Sie sind im Januar stolze 70 Jahre alt geworden und haben vor einem halben Jahr Ihre Autobiographie veröffentlicht. Ich muss zugeben, gelesen habe ich sie nicht. Ich habe es auch nicht vor.

Als Sie am 25. Januar bei Markus Lanz in der Talkshow saßen, erzählten Sie genug aus diesem Buch. Genug für mich zumindest. Ihre mutmaßliche Tätigkeit für die Stasi, die Sie vehement bestreiten, wird im Buch in mageren 1 ½ Seiten abgehakt. Damit Sie sich damit ehrlich auseinandersetzen, muss wohl noch ein zweites Buch dieser Art von Ihnen geschrieben werden. Auch Günter Grass musste einige Zwiebeln häuten, bis er seine SS-Angehörigkeit zugeben konnte. Bereut hat er sie indes nicht.

Sie sind gut gealtert. Sie besitzen Altersweisheit, Witz und eine, wenn auch etwas herablassende, Altersmilde. Ihre politischen Ansichten sind nicht grundverkehrt, sie rühmen sich damit, mit dem Rauchen aufgehört zu haben und damit, dass Sie die Bergpredigt Jesu verstanden haben und Menschen, die Ihnen Hass entgegenbringen „nicht zurück hassen“, auch wenn es Sie Mühe kostet.

Ich glaube Ihnen kein Wort

Ich hasse Sie nicht, daher erspare ich Ihnen diese Mühe. Ich glaube Ihnen nur kein Wort.

In besagter Talkshow sprachen Sie davon, wie Sie den Hausarrest meines Großvaters Robert Havemann als sein Rechtsanwalt aufgehoben haben. Zur Sprache kam er, da Sie Sich damit rühmten, den Bonzen in der Chinesischen Regierung klar gemacht zu haben, dass es im Interesse der Partei wäre, wenn Ai Weiwei frei ist. Denn nur die Gefangenschaft mache ihn berühmt.

China ist eine Diktatur

Sie sagen bei Lanz im Sessel ganz offen in die Kameras, dass China eine Diktatur sei, wie die DDR eine war. Sie sagen ganz frei heraus, dass die Verteidigungsstrategie bei Havemann wie bei Ai eine war, die das Eigeninteresse des Unterdrückerstaates nutzt.

Sie waren also nach eigenem Bekunden in einem Unrechtsstaat Rechtsanwalt. Verzeihen Sie den drastischen Vergleich: Aber das ist doch so, als ob Sie Arzt im Gulag waren. Mag ja sein, dass Sie Menschen zu Ihrem Recht verholfen haben: Die DDR kannte Gesetze, Gerichte und Richter, die nach rechtsstaatlichen Normen arbeiteten, sofern keiner der Streitenden der Staat und einer seiner Helfershelfer war. Sobald aber eine Partei die PARTEI war, war es mit der Rechtsstaatlichkeit passé.

Sie waren kein Zufall

Mein Großvater galt als Staatsfeind. Er wurde in seinem eigenen Haus im halboffenen Vollzug kostspielig gefangen gehalten. Eine Abteilung des MfS mit 120 Mitarbeitern kümmerte sich um ihn. 120 Menschen! Ein durchschnittliches Unternehmen dieser Größe erwirtschaftet Millionenumsätze jedes Jahr! Und Sie waren der Rechtsanwalt der Zielperson.

Bei einer Operation dieser Größe wird nichts dem Zufall überlassen. Und Sie waren kein Zufall. Sie haben sich diesen Job mit Linientreue gegenüber der Partei verdient. Die Partei, derer juristischen Nachfolgerin Sie bist heute treu dienen.

Mein Großvater war ein kluger Mann. Er wusste das alles natürlich. Er enttarnte insgeheim fast jeden IM und benutzte ihn, bis es der Stasi aufgefallen ist und er ausgetauscht wurde. Auch Sie wurden unfreiwillig benutzt als Doppelagent, der von Havemann genau das zu hören bekam, was er seinem Führungsoffizier mitzuteilen hatte. Sie waren also wirklich kein IM, kein Inoffizieller Mitarbeiter des MfS, sie arbeiteten ganz offiziell für die Stasi.

Heute werden Sie dennoch geehrt. Von vielen sogar verehrt. Bitte verzeihen Sie, dass ich nicht dazu gehöre. Sie sind ein armer Wicht, der mit Klugheit geschlagen und Feigheit gerüstet den Übermut aufbrachte, in die Politik zu gehen. Heute sitzen Sie im Bundestag in der letzten Reihe und träumen von einer Regierungsbeteiligung Ihrer Partei. Träumen Sie weiter. Für mich ist das ein Alptraum. Nur gut, dass ich weit weg bin, falls er jemals Wirklichkeit werden sollte.

Mit äußerst freundlichen Grüßen

Eliyah Havemann

Tu BiSchwat – Öko in der Torah

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Ist der Mensch ein Baum im Feld?

Heute ist Tu Bi’Schwat, das Neujahr der Bäume. Es ist ein kleinerer Feiertag, der im Kalender leicht unbemerkt an einem vorbeigeht. Es gibt keine besonderen Gebete, man isst wenn möglich ein Paar Baumfrüchte, vorzugsweise Trockenfrüchte und Nüsse, auch Trauben, Datteln, Feigen, Oliven und Granatäpfel, die die Torah als Früchte des Landes Israel preist und das war es schon.

Der Kabbalist Arizal hat zwar einen „Seder„, also eine an Pessach angelehnte Festmahlzeit entworfen, bei der man auch vier Gläser Wein trinkt, aber das ist keine weit verbreitete Tradition. Ich trinke nicht mal gerne Wein, daher warte ich mit exzessivem Alkoholgenuss lieber auf Purim. Da kann man auch Bier trinken.
Der Feiertag ist in Israel für die Beurteilung, wie alt ein Baum ist, wichtig. Früchte darf man nämlich erst nach drei Jahren von einem jungen Baum ernten. Daher ist das Neujahr der Bäume so was wie ein gemeinsamer Geburtstag für unsere hölzernen Freunde.

Man sieht, Bäume bekommen in der Torah eigene Rechte. Fast wie Tiere und Menschen. Es ist etwa verboten, einen Fruchtbaum zu fällen, nur weil einem in einem Krieg im Weg ist.

Die Halacha, das jüdische Gesetzt interpretiert aus diesem Gebot das Verbot der Verschwendung und sinnlosen Zerstörung von Gegenständen, Häusern, der Natur und der Umwelt. Die Torah ist also voll öko, wie man auf Neudeutsch sagt! Die entsprechenden Gesetze findet man im Deuteronomium, dem 5. Buch Mose, Verse 20:19-20.

Und dort mittendrin steht der merkwürdige Satz „Ki Ha’adam Etz HaSsadeh“. Wörtlich übersetzt bedeutet das „Weil der Mensch ein Baum im Feld (ist)“. Ich selbst fühle mich nicht wirklich wie ein Baum. Ich habe nicht nur ein Bein und das ist auch nicht am Boden fest gewachsen. Die wörtliche Bedeutung bringt uns also nicht weiter.

Die Kommentatoren der Torah haben diesem Satz über die Jahrhunderte große Aufmerksamkeit geschenkt. Ist er nicht doch eine Frage und keine Aussage? Sind die Baumfrüchte des Menschen seine Kinder oder seine Gedanken und Wissen? Wenn man nur Fruchtbäume nicht fällen darf, muss man sich einen neuen Lehrer suchen, also den alten fällen, wenn er keine Wissenfrüchte mehr trägt, von denen man lernen kann? Oder sind die Wurzeln sein Intellekt und die Baumkrone sein Kopf, der zum Himmel gewandt ist?

Tu Bi’Shvat ist also nicht nur ein Neujahr der Bäume, es ist auch für uns mal wieder ein Anstoss, sich mit uns selbst und unserer Umwelt zu befassen. Ist der Mensch ein Baum im Feld? Bin ich verwurzelt in meinem Intellekt, meinem Glauben, meinem Umfeld und in dieser Welt oder schwankt mein Kopf im Wind herum und ein kleiner Sturm wird mich entwurzeln?

Der Israelische Dichter Natan Zach hat kurz nach dem Holocaust den Satz „Ki Ha’adam Etz HaSsadeh“ in ein wunderschönes, trauriges Lied verdichtet. Ich habe versucht, es nachzudichten:

Ist der Mensch ein Baum im Feld?
Natan Zach – Deutsch: Eliyah Havemann

Ist der Mensch ein Baum im Feld?
Genau wie ein Mensch, blüht auf der Baum
Genau wie der Baum, wird der Mensch gefällt
Und ich, ich weiss nicht
wo war ich und wo will ich noch hin
wie ein Baum im Feld

Ist der Mensch ein Baum im Feld?
Er wirft die Arme wie ein Baum gen Himmel
Und er verkohlt wie er im Brand
Und ich, ich weiss nicht
wo war ich und wo will ich noch hin
wie ein Baum im Feld

Ist der Mensch ein Baum im Feld?
Unstillbar ist sein Durst nach Wasser
Nach Leben in unserer vertrockneten Welt
Und ich, ich weiss nicht
wo war ich und wo will ich noch hin
wie ein Baum im Feld

Ich liebte und ich hasste
Ich habe so vieles probiert
Doch sie verscharrten mich in der Erde
und es schmeckt so bitter und ich werde
wie ein Baum im Feld
wie ein Baum im Feld

Anmerkung: Dieser Text erschien fast wortgleich schon mal hier im Blog.